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    Wo der Wald noch Urwald ist

    Text und Bilder von Alessandro Franza

    Im Italienischen verwenden wir bosco und foresta oft als Synonyme, doch ganz dasselbe bedeuten sie nicht. Ein bosco ist ein vertrauter Ort: Es gibt Wege und Baumstümpfe, und er trägt die Spuren von Holzeinschlag, Weidewirtschaft und Köhlerei. Seit Jahrhunderten wird er von Menschen genutzt und gepflegt, und seine Gestalt wird zumindest teilweise von ihnen bestimmt.

    Eine foresta ist anders: eine beinahe chaotische, dichte und verschlungene Umgebung, in der die Natur selbst bestimmt – mit ihren langen Zeiträumen und ihren eigenen Regeln, ohne dass der Mensch ihre Entwicklung lenkt. Märchen spielen im Wald, Abenteuer im Urwald…

    In Europa, wo fast jedes Stück Natur Spuren des Menschen trägt, sind ursprüngliche Wälder äußerst selten. Alte Buchenwälder gehören zu den wenigen, die noch erhalten sind. Aus diesem Grund wurden sie von der UNESCO als Welterbe anerkannt und zu einer seriellen Welterbestätte zusammengefasst: einzelne Gebiete in verschiedenen Ländern, die dieselben charakteristischen Merkmale miteinander verbinden.

    Heute umfasst die Welterbestätte „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“ 93 Buchenwaldgebiete. Sie verteilen sich auf 18 Länder, von den Karpaten bis zum Apennin und vom Baltikum bis zum Balkan, und erzählen eine rund zehntausend Jahre alte Geschichte: die Geschichte der Buche, die sich nach der letzten Eiszeit von ihren Rückzugsgebieten aus langsam wieder über den Kontinent ausbreitete.

    Dreizehn dieser Wälder liegen in Italien, fünf davon im Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise. Als Tutor eines eigens diesem Thema gewidmeten Erasmus+-Projekts hatte ich das Glück, einige von ihnen gemeinsam mit Jugendlichen zu besuchen, die hier im Nationalpark Abruzzen leben.

    Im vergangenen Jahr waren wir in Jasmund in Deutschland, wo Buchen auf Meereshöhe an den Kreidefelsen über der Ostsee wachsen. Dieses Jahr führte uns die Reise nach Bulgarien in den Nationalpark Zentralbalkan. Weit voneinander entfernte Orte, die dennoch miteinander verbunden sind: dasselbe Licht, das von oben durch die Kronen fällt, derselbe weiche Waldboden, dieselben umgestürzten Stämme, die dort liegen bleiben, wo sie gefallen sind.

    Eine zehntausendjährige Geschichte, die bis heute weitergeht

    Diese Gebiete wurden nicht wegen der Schönheit eines einzelnen Waldes oder wegen des größten oder ältesten Baumes ausgezeichnet, sondern aufgrund einer Geschichte, die weit zurückreicht.

    Während der Eiszeiten überlebte die Buche nur in wenigen Rückzugsgebieten im Bereich der Alpen, der Karpaten, des Mittelmeerraums und der Pyrenäen. Als sich das Klima vor rund 11.000 Jahren veränderte, breitete sie sich von dort wieder aus und eroberte nach und nach große Teile des Kontinents zurück.

    Dieser Prozess ist laut UNESCO bis heute nicht abgeschlossen: Die Buche breitet sich weiterhin nach Norden und Westen aus. Deshalb basiert die Anerkennung als Welterbe auf einem Kriterium, das fortdauernde ökologische und biologische Prozesse würdigt.

    Aus diesem Grund wurden die Gebiete auch so ausgewählt, dass sie die gesamte Vielfalt dieser außergewöhnlichen Entwicklung widerspiegeln: von der Küste bis zur Baumgrenze, auf unterschiedlichen Gesteinsformationen und unter verschiedenen klimatischen Bedingungen sowie in reinen und gemischten Buchenwäldern.

    Das erklärt, warum die Welterbestätte so weit voneinander entfernte Orte miteinander verbindet. Sie entstand 2007 mit Gebieten in der Slowakei und der Ukraine und wurde im Laufe der Zeit erweitert: 2011 um Deutschland, 2017 um zehn weitere Länder, darunter Italien, und erneut im Jahr 2021. Heute umfasst sie rund 100.000 Hektar Wald, die von fast 300.000 Hektar Pufferzonen umgeben sind.

    Bewahren durch Nicht-Eingreifen

    Hier zeigt sich ein kleines Paradox. Die Welterbestätte verfügt über einen Managementplan, doch im Mittelpunkt dieses Plans steht der bewusste Verzicht auf Eingriffe. Für alle Gebiete gilt das Prinzip der Nichtbewirtschaftung: kein Holzeinschlag, keine Entfernung von Totholz und keine Maßnahmen, um den Wald „in Ordnung zu bringen“.

    Die meisten der 93 Gebiete stehen als strenge Waldreservate, Wildnisgebiete, Kernzonen von Biosphärenreservaten oder Nationalparks unter Schutz. In einigen Fällen erfolgt der Schutz stattdessen durch forstwirtschaftliche Pläne, die den Holzeinschlag in alten Wäldern untersagen.

    Es reicht jedoch nicht aus, ein Stück Wald einfach sich selbst zu überlassen: Es muss auch groß genug sein, um als Ökosystem funktionieren zu können. Deshalb wurde eine Mindestgröße von 50 Hektar festgelegt. Bei den vier kleineren Gebieten wird geprüft, ob sie erweitert werden können – weiterhin ohne Eingriffe.

    Jedes Gebiet ist von Pufferzonen umgeben, häufig von weiteren Parks und Schutzgebieten, die es vor Einflüssen von außen schützen. Denn die größten Gefahren kommen von dort: Holzeinschläge in der Umgebung, die das Mikroklima des Waldes verändern können, und die Fragmentierung der Landschaft, durch die Wälder zu isolierten Inseln werden.

    Hinzu kommt der Klimawandel, der die Zusammensetzung der Arten verändern könnte. Die Buche hat bereits bewiesen, dass sie sich an sehr unterschiedliche Bedingungen anpassen kann. Zu beobachten, wie sie auf zukünftige Veränderungen reagieren wird, ist Teil des besonderen Wertes dieser Orte.

    Jedes Gebiet bleibt in der Verantwortung des jeweiligen Staates, doch die 18 beteiligten Länder arbeiten über ein gemeinsames Managementkomitee, eine gemeinsame Absichtserklärung und einen Koordinator zusammen. Zu den gemeinsamen Zielen gehören Monitoring, Forschung, Bildung und Besuchermanagement. Denn Schutz bedeutet nicht, alles abzuriegeln, sondern zu lernen, diese Orte zu erleben, ohne Spuren zu hinterlassen.

    Ein italienisches Privileg

    In Italien haben wir das Privileg, einige dieser Wälder zu bewahren. Oft handelt es sich um kleine grüne Inseln, die überlebt haben, weil sie schwer zugänglich sind oder bereits seit langer Zeit geschützt werden – und gerade deshalb besonders wertvoll sind.

    Eine Tatsache regt dabei zum Nachdenken an: Italien gehört zu den Ländern mit den meisten UNESCO-Welterbestätten weltweit, doch fast alle davon sind vom Menschen geprägt – historische Städte, Denkmäler und Kunstwerke.

    Die natürlichen Welterbestätten hingegen lassen sich an einer Hand abzählen: die Äolischen Inseln, die Dolomiten, der Ätna, der Monte San Giorgio und eben diese Buchenwälder.

    Dabei geht es nicht um eine Rangordnung des Wertes. Vielmehr sagt dies etwas über unsere Wahrnehmung aus. Wir sind es gewohnt, das Außergewöhnliche in dem zu erkennen, was wir geschaffen haben – deutlich weniger jedoch in dem, was wir unberührt lassen konnten.

    Langsam unterwegs

    Vielleicht bewegen wir uns auch deshalb oft zu schnell durch die Natur. Einen alten Wald „besucht“ man nicht wie ein Museum: Es gibt keinen vorgeschriebenen Rundgang und kein Kunstwerk, das man unbedingt fotografieren muss. Er fordert uns auf, langsamer zu werden. Ohne festes Ziel zu gehen, stehen zu bleiben und zuzuhören und zu akzeptieren, dass manchmal nichts Spektakuläres geschieht.

    Doch wenn man lange genug bleibt, passiert etwas: Der Klang des Windes verändert sich von einem Berghang zum anderen, einen Specht hört man, bevor man ihn sieht, nach dem Regen liegt der Duft von Erde und Blättern in der Luft, Moos bedeckt einen umgestürzten Stamm wie eine Decke. Die Schönheit eines Waldes drängt sich nur selten auf. Sie offenbart ihre Wunder vielmehr denjenigen, die sich die Zeit nehmen, sie wahrzunehmen.

    Dabei sollten wir auch einige Vorurteile hinter uns lassen. Die Vorstellung, ein Wald sei „unordentlich“, weil Äste auf dem Boden liegen, ein morscher Stamm „müsse entfernt werden“ oder ein Ort müsse ordentlich und nützlich sein, um einen Wert zu haben. Ein abgestorbener Baum ist kein Abfall, sondern der Beginn einer neuen Geschichte.

    Ein alter Wald ist nicht einfach nur ein sehr alter Wald. Er ist ein Ort, an dem sich natürliche Kreisläufe vollständig entfalten können: Bäume keimen, wachsen, altern und sterben, zersetzen sich und werden zur Grundlage für neues Leben. Eine umgestürzte Buche wird zu Nahrung und Lebensraum. Ihre Zersetzung dauert Jahrzehnte, und während dieser langen Zeit kann sich die biologische Vielfalt in ihrer ganzen Fülle entfalten.

    Für all das müssen wir nicht weit reisen. Die berühmtesten Wälder sind beeindruckend, aber sie sind nicht die einzigen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Der Wald hinter dem eigenen Zuhause, der Stadtpark, den wir jeden Tag durchqueren: Auch dort gibt es etwas zu entdecken, wenn wir mit dem richtigen Blick unterwegs sind. Es genügt, zu verschiedenen Jahreszeiten zurückzukehren, den Blick nach oben zu richten, sich hinunterzubeugen und genauer hinzusehen, nur das mitzunehmen, was uns an den Moment erinnert – ein Foto, eine Zeichnung, ein Gefühl – und alles andere so zu lassen, wie es ist.

    Die Natur in unserer unmittelbaren Umgebung respektvoll zu erleben, ist zugleich die beste Vorbereitung auf seltenere Orte. Wir lernen, in der Natur zu sein, anstatt sie nur zu durchqueren.

    Die Jugendlichen, die wir begleitet haben, leben in einem Nationalpark und wachsen häufig inmitten all dessen auf, ohne seinen Wert vollständig wahrzunehmen. Sie in andere Wälder Europas zu bringen, diente vor allem dazu, ihnen zu zeigen, dass eine Landschaft, die für manche zum Alltag gehört, für andere selten und kostbar ist.

    Wenn wir das nächste Mal einen Wald betreten – ob nah oder fern, berühmt oder unbekannt –, gehen wir langsam hinein, mit Respekt und ohne Eile, irgendwo anzukommen. Bleiben wir dort stehen, wo das Licht schwächer wird und das Geräusch unserer Schritte im Laub verstummt. Legen wir eine Hand auf einen Baumstamm und denken wir darüber nach, wie viele Frühlinge er bereits erlebt hat.

    Hören wir auf seine Stille, die niemals wirklich still ist. Sie ist die Stimme eines ganzen Waldes, der seit zehntausend Jahren weiterhin das tut, was er am besten kann: leben.

    Diese Bäume waren lange vor uns hier und werden noch lange nach uns hier sein. Sie kennenzulernen ist der erste Schritt, um sie zu schützen – und sie kennenzulernen braucht Zeit.

    Es gibt nichts zu erobern. Wir müssen nur lange genug bleiben, um zu erkennen, dass das Wunder die ganze Zeit schon da war.