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Drei Arten, einen Wanderweg zu erleben: Cornwall, die Färöer und Schottland

Text und Bilder von Nerinka Quadrelli

Drei Wege, drei Vorstellungen von Natur

Jede Reise hinterlässt Erinnerungen, Eindrücke und Bilder, die man mit nach Hause nimmt. Doch wenn ein Ort Teil der eigenen Arbeit wird, verändert sich auch der Blick auf ihn.

Wandern bedeutet mehr, als eine Landschaft zu durchqueren. Es bedeutet, die Kultur zu verstehen, die sie geprägt hat.

Im Laufe der Jahre durfte ich zahlreiche Gruppen durch Cornwall, Schottland und die Färöer begleiten – drei Reiseziele, die zu einem wichtigen Teil meiner Arbeit geworden sind. Immer wieder an dieselben Orte zurückzukehren, ihre Wege zu unterschiedlichen Jahreszeiten zu erkunden, Menschen kennenzulernen, die dort leben, und Gäste zu begleiten, die einem ihre Zeit, ihre Erwartungen und oft auch einen kleinen Traum anvertrauen, eröffnet Perspektiven, die einem flüchtigen Blick verborgen bleiben.

Dieser Beitrag basiert genau auf dieser Erfahrung – nicht auf einem kurzen Besuch, sondern auf vielen Jahren als Wanderführerin. Menschen in der Natur zu begleiten bedeutet nicht nur, für Sicherheit und Organisation zu sorgen. Es bedeutet auch, eine Landschaft zu interpretieren, ihre Kultur zu verstehen, ihre empfindlichen Gleichgewichte zu respektieren und ihre Bedeutung weiterzugeben.

Cornwall, Schottland und die Färöer verbindet eine vom Ozean, vom Wind und vom Klima des Nordatlantiks geprägte Landschaft. Und doch erzählen sie drei ganz unterschiedliche Geschichten darüber, wie Natur erlebt und Wandern verstanden wird.

Cornwall: Eine gemeinsam gelebte Natur

Wenn es in Europa einen Ort gibt, an dem Wandern fester Bestandteil der Alltagskultur zu sein scheint, dann ist es wohl Cornwall.

Sein bekanntestes Symbol ist der South West Coast Path – der Fernwanderweg entlang der spektakulären Steilküste, der Dörfer, Strände, Leuchttürme und historische Stätten miteinander verbindet. Er ist weit mehr als ein Wanderweg: Er gehört zur Identität der Region und verbindet Landschaft, Geschichte und Gemeinschaft.

Wer an der Küste entlangwandert, erkennt schnell ein typisches Merkmal des britischen Umgangs mit der Natur. Die Landschaft wirkt ursprünglich und wild, doch hinter diesem Eindruck steckt eine sorgfältige Planung und Pflege. Die Natur darf sich entfalten, bewegt sich dabei jedoch innerhalb eines durchdacht betreuten Systems.

Eine zentrale Rolle spielt dabei der National Trust, der seit Jahrzehnten große Teile der Küstenlandschaft schützt und verwaltet. Gepflegte Wege, geregelte Zugänge, eine gute Beschilderung und kontinuierliche Instandhaltung machen das Wandern für ein sehr breites Publikum zugänglich.

Das zeigt sich unmittelbar auf den Wegen: Familien mit Kindern, ältere Menschen, Wandergruppen, Läuferinnen und Läufer sowie Spaziergänger teilen sich dieselben Pfade. Wandern gilt hier nicht als Sport für Spezialisten, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags.

Ein Detail beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Beim Wandern in Cornwall führt der Weg immer wieder über Privatgrundstücke, die meist als Weideland genutzt werden. Deshalb öffnet und schließt man unterwegs unzählige Gatter. Anfangs wirken sie wie kleine Hindernisse, doch schon bald werden sie Teil des Erlebnisses.

Diese Gatter erzählen mehr, als man zunächst vermutet. Sie ermöglichen das Queren privater Flächen, ohne die Arbeit der Landwirte zu beeinträchtigen oder Weidetiere entweichen zu lassen. Sie stehen sinnbildlich für ein über Jahre gewachsenes Gleichgewicht, in dem das Recht zu wandern mit dem Respekt gegenüber den Menschen verbunden ist, die diese Landschaft täglich bewirtschaften und bewahren.

Vielleicht ist genau das das Faszinierendste an Cornwall: eine Landschaft, die nicht nur geschützt, sondern wirklich gemeinsam genutzt wird.

Färöer: Ein Gleichgewicht im Wandel

Wenn Cornwall für eine offene und zugängliche Natur steht, erzählen die Färöer eine andere Geschichte.

Hier wirkt die Landschaft sofort rauer und ursprünglicher. Berge steigen direkt aus dem Meer auf, steile Klippen prägen die Küste, der Wind ist allgegenwärtig und das Wetter kann sich innerhalb weniger Minuten vollständig verändern. Doch hinter diesem Eindruck unberührter Natur ist der Mensch ständig präsent.

Auf den Färöern dreht sich bis heute vieles um die Schafhaltung. Schafe begegnen einem überall, und Zäune ziehen sich über Berghänge, Hochebenen und sogar bis in Gegenden, die vollkommen abgelegen erscheinen.

Es entsteht ein spannender Kontrast. Einerseits spürt man die Kraft einer wilden Landschaft, andererseits erkennt man, dass jeder Teil des Landes in ein genau organisiertes Bewirtschaftungssystem eingebunden ist. Privateigentum spielt hier eine deutlich größere Rolle, und die Grenze zwischen frei zugänglichem und privatem Gelände ist oft klar erkennbar.

Viele der historischen Wege auf den Färöern entstanden aus praktischer Notwendigkeit. Sie verbanden Dörfer, Weiden und Arbeitsplätze – nicht Wanderziele.

Als Wanderführerin hatte ich oft den Eindruck, dass sich das moderne Trekking vor allem mit dem wachsenden Tourismus entwickelt hat. Mehr als einmal haben Einheimische überrascht darauf reagiert, dass Menschen um die halbe Welt reisen, nur um hier zu wandern. Nicht, weil Sport keine Rolle spielt – Fußball, Rudern, Schwimmen und Leichtathletik sind tief in der färöischen Gesellschaft verankert. Das Wandern um seiner selbst willen nimmt jedoch bis heute einen anderen Stellenwert ein.

In den vergangenen Jahren wurden viele historische Wege restauriert, ausgeschildert und besser zugänglich gemacht. Informationstafeln wurden aufgestellt, Pflegeprogramme eingerichtet und auf einigen Wegen Nutzungsgebühren eingeführt.

Diese Entwicklung ist nachvollziehbar. Die Landschaft der Färöer ist äußerst empfindlich, und schon wenige Tausend Besucher können innerhalb kurzer Zeit deutliche Spuren hinterlassen.

Der Tourismus konzentriert sich jedoch vor allem auf die bekanntesten und am leichtesten erreichbaren Orte. Verlässt man diese Hotspots nur ein wenig, findet man schnell jene Stille wieder, die große Teile des Archipels noch immer prägt.

Gerade hier zeigt sich für mich der besondere Wert einer ortskundigen Wanderführerin. Es geht nicht darum, „geheime“ Orte zu finden, sondern Wege auszuwählen, die die Färöer wirklich erzählen.

Auf einem alten Verbindungsweg zwischen Dörfern zu wandern, ein Tal zu durchqueren, ohne jemandem zu begegnen, oder ein Dorf auf denselben Pfaden zu erreichen, die Hirten und Bewohner seit Jahrhunderten nutzen, ist eine völlig andere Erfahrung. Man durchquert nicht nur eine Landschaft – man folgt einem Stück ihrer Geschichte.

Deshalb geht es auf unseren Reisen nicht darum, den berühmtesten Ort zu erreichen, sondern den Weg zu wählen, der ihn am besten erklärt. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Besuch und echtem Kennenlernen.

Schottland: Die Freiheit, eine Landschaft lesen zu lernen

Von allen Ländern Nordeuropas wird Schottland vielleicht am häufigsten missverstanden.

Viele stellen es sich als eine der letzten großen Wildnisse Europas vor – endlose Berge, einsame Moore und eine Landschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Auch ich suchte bei meinem ersten Besuch genau dieses Bild. Doch was mir sofort auffiel, waren die zahlreichen Spuren menschlicher Präsenz. Als ich im Laufe der Jahre immer wieder zurückkehrte, die Region genauer kennenlernte und mit den Menschen vor Ort sprach, wurde mir klar, dass genau darin ihre besondere Faszination liegt. Schottland erzählt nicht die Geschichte unberührter Natur, sondern die einer oft komplexen Beziehung zwischen Mensch und Landschaft.

Wer Schottland wirklich verstehen möchte, sollte es deshalb zu Fuß erleben. Das Wandern ist hier nicht nur ein Teil der Reise – es ist die Reise.

In Schottland gilt das Right to Roam – das Recht, weite Teile des Landes frei zu durchqueren, solange dies mit Respekt, Vernunft und Verantwortungsbewusstsein geschieht. Dieses Prinzip sagt viel über das Verhältnis der Schotten zu ihrer Landschaft aus. Die Freiheit des Wanderns beruht nicht auf dem Fehlen von Regeln, sondern auf dem Vertrauen, dass sich jeder achtsam verhält.

Gerade beim Wandern löst sich auch ein weiterer weit verbreiteter Irrtum auf.

Die Highlands erscheinen auf den ersten Blick als völlig unberührte Wildnis. Wer jedoch lernt, die Landschaft zu lesen, erkennt eine andere Geschichte. Die Verteilung der Wälder, die weiten offenen Flächen, Trockensteinmauern, Fahrwege und die ausgedehnten baumlosen Gebiete sind nicht allein das Ergebnis des Klimas. Sie spiegeln ebenso Jahrhunderte menschlicher Nutzung und bewusster Entscheidungen im Umgang mit dem Land wider.

Dadurch verliert Schottland nichts von seiner Faszination – im Gegenteil. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich von dort mitgenommen habe: Eine Landschaft ist nicht deshalb spannend, weil sie wild wirkt. Sie wird es, wenn wir lernen, den Dialog zu erkennen – manchmal harmonisch, manchmal konfliktreich –, den der Mensch mit der Natur geführt hat.

Menschen durch diese Landschaften zu begleiten, hat mich gelehrt, dass es nicht nur eine Art gibt, Natur zu erleben.

In Cornwall gehört das Wandern zum Alltag und macht die Landschaft für alle zugänglich. Auf den Färöern ist es noch immer eng mit der Geschichte der Wege zwischen Dörfern und Weiden verbunden und sucht heute ein neues Gleichgewicht zwischen Naturschutz und Tourismus. In Schottland wiederum beruht die Freiheit, sich in der Landschaft zu bewegen, auf Verantwortung und gegenseitigem Vertrauen zwischen den Menschen, die dort leben, und jenen, die sie durchqueren.

Drei Länder, drei Wanderkulturen und drei unterschiedliche Wege, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu gestalten.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich von jeder Reise mit nach Hause nehme: Ein Weg erzählt nicht nur, wohin wir gehen. Er erzählt von der Landschaft, die wir durchqueren, von den Menschen, die sie geprägt haben, und davon, wie eine Gemeinschaft gelernt hat, mit ihrer Umgebung zu leben.

Genau das versuche ich den Menschen zu vermitteln, die ich begleite: nicht nur eine Route, sondern einen neuen Blick auf die Landschaft, durch die wir gemeinsam gehen.

Wer ist Nerinka Quadrelli

Nerinka Quadrelli ist in Varese geboren und lebt heute in Champoluc im Herzen des Aostatals. Die Berge begleiten sie seit ihrer Kindheit – zunächst als Teil ihres Alltags, später als Beruf.

Nach verschiedenen Erfahrungen auf den Berghütten des Monte-Rosa-Massivs sowie einer Ausbildung, die Alpinismus, Wintersport und fundierte Gebietskenntnisse vereint, erhielt sie 2016 die Qualifikation als Wanderführerin für Natur- und Landschaftserlebnisse (Guida Ambientale Escursionistica).

Heute begleitet sie Einzelpersonen und Gruppen auf alpinen Wanderungen sowie auf Reisen in den Norden Europas. Dabei vermittelt sie nicht nur die Schönheit der Landschaft, sondern auch ihre naturkundlichen, geologischen und kulturellen Besonderheiten.