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Lyskamm Nose – Raffaele Mercurialis vertikales Abenteuer

Text und Bilder von Raffaele Mercuriali

Wenn von weniger begangenen Routen im Hochgebirge die Rede ist, denkt man häufig an abgelegene Wände oder Expeditionen am anderen Ende der Welt. Dabei lassen sich echtes Abenteuer und tiefe Abgeschiedenheit oft nur wenige Kilometer von den meistfrequentierten Routen der Alpen entfernt finden. Es ist eine Frage der Entscheidung, der Perspektive und des Stils.

Um den Menschen, die heute ihre ersten Erfahrungen in den Bergen sammeln, zu erklären, was ich damit meine, erzähle ich gerne von einer zweitägigen Tour im Herzen des Monte-Rosa-Massivs: über den Südgrat auf die Lyskamm-Nase. Eine elegante, logische Linie, die jedes Jahr nur sehr selten begangen wird und durch eine großartige Landschaft führt, weit entfernt von den Bergsteigerströmen zur Capanna Margherita oder zum Castor.

Die Ursprünglichkeit dieser Erfahrung begann bereits mit dem ersten Schritt: Wir entschieden uns bewusst gegen die Nutzung der Bergbahnen und starteten direkt zu Fuß in Staffal bei Gressoney. Beim Aufstieg durch das weite, einsame Lystal und entlang des Sees ist der Wechsel des Rhythmus sofort spürbar. Ohne den „Filter“ der Seilbahn stellen sich Körper und Geist nach und nach auf die Wildnis ein. Das Gelände verändert sich und wird anspruchsvoller: Man überquert den Lys-Gletscher und steigt anschließend in einen Felsgrat mit Passagen im IV. Schwierigkeitsgrad ein, die höchste Konzentration erfordern.

Das Ziel des ersten Tages ist ein kleines Juwel, das über dem Abgrund zu schweben scheint: das Biwak Massimo Comotti. Dort anzukommen, die Nacht in dieser abgeschiedenen Umgebung vorzubereiten und tief unter sich die fernen Lichter der Zivilisation zu sehen, vermittelt auf besonders reine Weise, was es bedeutet, am selben Seil verbunden zu sein. An solchen Orten ist man kein bloßer Nutzer der Berge, sondern ein Teil von ihnen.

Der zweite Tag war eine luftige Reise über kombiniertes Gelände, Fels und Eis bis auf 4.272 Meter Höhe zur Lyskamm-Nase. Bei einer derart abwechslungsreichen Tour spielt die technische Ausrüstung eine entscheidende Rolle. Ich bewältigte die gesamte Route mit den AKU Croda, bedingt steigeisenfesten Bergschuhen, die sich als ideal erwiesen: präzise und stabil in den Felspassagen des IV. Grades, warm und sicher auf Blankeis und ausgesetzten Graten, zugleich aber leicht und bequem genug für die langen Zustiege und den gesamten Abstieg zu Fuß.

Vom Gipfel führte der Abstieg über die untere Lyskamm-Traverse zur Quintino-Sella-Hütte und anschließend auf dem langen Fußweg zurück nach Staffal. Zwei intensive Tage, ein unvergessliches Biwak und keine einzige Bergbahn.

Genau das verstehe ich unter weniger begangenen Routen. Es geht nicht darum, extreme Schwierigkeiten um ihrer selbst willen zu suchen, sondern um die Ursprünglichkeit des Erlebnisses. Das Hochgebirge vom Tal aus zu erschließen, die Stille anzunehmen und weniger bekannte Linien zu wählen, eröffnet eine einzigartige Möglichkeit, eine intime, persönliche und vielleicht authentischere Form des Alpinismus neu zu entdecken. Ein Ansatz, der von Bewusstsein, Respekt und der Schönheit geprägt ist, die erste Spur dort zu hinterlassen, wo der Wind alle anderen bereits verweht hat.

Wer ist Raffaele Mercuriali?

Zwischen Bergwegen und Felswänden aufgewachsen, machte er seine Leidenschaft zum Beruf und wurde 2019 UIAGM-Bergführer.

Heute begleitet er Menschen im gesamten Alpenraum – beim Bergsteigen, Klettern, Skitourengehen und Canyoning. Dabei setzt er auf Technik, Vertrauen und einen bewussten Umgang mit der Bergwelt. Für ihn ist der Weg genauso wichtig wie das Ziel.