Text und Bilder von Gabriele Mastrilli
Durch Namibia zu reisen bedeutet, Landschaften zu durchqueren, die von einem anderen Planeten zu stammen scheinen.
Namibia ist ein Ort, an dem die Wüste nicht nur aus Sand oder Fels besteht, sondern eine Bühne extremer Kontraste, ohrenbetäubender Stille und einer Schönheit ist, die einen zwingt, immer langsamer zu werden, bis man schließlich ganz stehen bleibt. Es geht nicht darum, Gipfel zu bezwingen oder möglichst viele Kilometer zurückzulegen, sondern darum, sich in einem Raum bewegen zu lernen, der einen auf das Wesentliche reduziert. Gleich nach der Ankunft überkommt einen ein seltsames Gefühl. Hektik, Geschwindigkeit und der Drang, ständig etwas zu tun und zu sehen, haben hier keinen Platz. Die Zeit wird nicht in Stunden und Tagen gemessen, sondern in Horizonten und Kilometern.
Die Dünen von Sossusvlei erheben sich wie erstarrte rote und orangefarbene Wellen, Hunderte Meter hoch und seit Jahrtausenden vom Wind geformt. Bei Sonnenaufgang über ihren Kamm zu wandern bedeutet, mit jedem Schritt im kühlen Sand einzusinken, während die Sonne endlos lange Schatten zeichnet. Jeder Schritt kostet Kraft, wird aber mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt: einem Meer aus Sand, das sich unter einem beinahe unwirklich blauen Himmel bis ins Unendliche erstreckt. Sich zwischen diesen Formen zu bewegen, fühlt sich an, als würde man durch etwas Lebendiges gehen. Am frühen Morgen, bevor der Wind alle Spuren verwischt hat, erzählt der Sand Geschichten: feine Abdrücke von Insekten, kleine Furchen von Schlangen, leichte Spuren von Oryxantilopen und Schakalen. Tiere, die sich bewegen, solange die Hitze eine Pause gewährt, und die sich an Bedingungen angepasst haben, die für uns extrem bleiben. Das Überleben ist hier kein spektakulärer Kampf, sondern ein präzises Gleichgewicht. Energie sparen, den richtigen Moment für jede Bewegung wählen und jede verfügbare Ressource nutzen. Nichts wird verschwendet.
Nicht weit entfernt empfängt einen die felsige Namib mit einer anderen Art von Härte. Steine, niedrige Berge und scheinbar aus dem Nichts gegrabene Canyons prägen eine Landschaft, in der die Vegetation auf wenige, zähe Überlebenskünstler reduziert ist. Es ist eine karge, beinahe abstrakte Landschaft, in der das Licht mit den Schatten spielt und Farbwelten aus Ocker, Schwarz und Terrakotta entstehen lässt. Schutz gibt es hier keinen. Die Hitze am Tag und die beißende Kälte in der Nacht erinnern einen daran, dass man nur ein vorübergehender Gast ist.
In Namibia bleibt Wasser fast immer unsichtbar. Es fließt nicht und sammelt sich nicht. Es existiert in Form von Feuchtigkeit und Nebel, der vom Ozean heranzieht und nur wenige Kilometer weit in die Wüste vordringt. Einige Pflanzen und Tiere haben gelernt, davon zu leben. Sie gewinnen winzige Mengen Wasser aus der Luft und verwandeln etwas, das für uns kaum wahrnehmbar ist, in eine konkrete Überlebensgrundlage. Auch der menschliche Körper verändert sich. Nach mehreren Tagen des Wanderns lernt man, anders zu trinken, seine Kräfte einzuteilen und die Zeichen der Erschöpfung zu erkennen, bevor sie zu einem Problem werden.
Was jedoch wirklich beeindruckt, ist weder die Hitze noch die Anstrengung, sondern der Raum. In Namibia besitzt der Raum ein physisches Gewicht. Er umgibt einen, durchdringt einen und konfrontiert einen mit einer Dimension, die sich nicht kontrollieren lässt. Es gibt keine Orientierungspunkte und keine klar erkennbaren Grenzen. Nur Linien, Wind und Entfernung. Anfangs wirkt das verstörend. Dann beginnt sich langsam etwas zu verändern. Man reduziert das Überflüssige: in den Bewegungen, in den Gedanken und in den Erwartungen. Übrig bleiben die wesentlichen Dinge. Der Schritt, der Atem, die Richtung. Es ist eine Form der Vereinfachung, die nichts Romantisches an sich hat. Sie ist schlicht notwendig.
Der intensivste Moment erwartet einen in Deadvlei. Eine aufgerissene, weiße Tonpfanne, in der die Skelette uralter Akazien schwarz und verdreht vor dem Rot der Dünen in den Himmel ragen. Sie sind nicht umgestürzt und nicht verrottet. Sie sind dort geblieben, reglos und von der Sonne geschwärzt. Es gibt keine Bewegung und kein Geräusch. Nur Kontraste: das Weiß des Bodens, das Schwarz der Stämme, das leuchtende Orange der Dünen und das tiefe Blau des Himmels. Die Stille ist vollkommen. Nur das Geräusch meiner Schritte und der Wind, der die Sandkörner bewegt, durchbrechen sie.